01, 02, 03, 04, 05, 06, 07, 08, 09, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 21, 23, 24, 26, 29, 30
[01.04.2008, di, 8:00]
Daß ich hin und wieder huste, liegt wohl nur an der dreckigen Stadtluft, weniger an meiner fast auskurierten Erkältung.
Am Samstag hab ich mir zwar noch eine Flasche (100 ml) Hustensaft gekauft, aber nur, um meine Kur nicht wegen fehlender 20 oder 30 Milliliter vorzeitig beenden zu müssen.
[12:00]
Zwischen 1990 und 2001 - ich bezahlte in D-Mark - kaufte ich die gebundene Ausgabe von Salman Rushdie's Roman "Die satanischen Verse", vermutlich sogar schon kurz nach ihrem Erscheinen.
Bisher konnte ich mich mit dem Buch nicht anfreunden, obwohl ich es zweimal versuchte - mindestens:
Worum es in den "Satanischen Versen" ging, erinnerte ich nicht mehr, fand nur höchst albern, wie zwei Menschen aus einem sehr hoch fliegenden Flugzeug stürzen, Witze machen, singen, fallen und fallen, trotzdem überleben.
Da hab ich vor einigen Tagen den (mindestens) zweiten Versuch, mich dem Buch zu näheren, abgebrochen.
Heute lese ich nun, die beiden fallenden Herren werden nach ihrer "Wiedergeburt" ein/der Teufel und ein Engel und lästern über alles, was heilig ist.
Ist nicht schon diese Art der Wiedergeburt Gotteslästerung?
Mal sehn, vielleicht wage ich noch einen Versuch, denn inwieweit die beiden Gott bzw. Allah lästern, interessiert mich schon.
[12:30]
Warum schreibe ich das eigentlich?
So recht bin ich derzeit für nichts zu begeistern - Jonathan Littell's "Die Wohlgesinnten" hat mich zu sehr gebannt.
Aber irgendwie muß es ja weitergehen. Also hab heute morgen im Internet nachgesehen, warum in den "Satanischen Versen" geht, worauf die Todesstrafe des Autors begründet.
Plötzlich sagte etwas in mir: das könnte interessant werden, und ich war bereit, mich zum (mindestens) drittenmal dem Buch zu nähern.
Mein wiedererwecktes Interesse, nachdem ich glaubte, kein Buch könnte jemals wieder so stark mein Verlangen wecken wie "Die Wohlgesinnten", in die Welt eines anderen Menschen einzutauchen, ist der Grund meiner Freunde und der Drang mit derohalber mitzuteilen.
[12:45]
Selbstverständlich interessiere mich auch für andere Bücher und Leben, aber eben nicht mit einer demaßen starken, fast schon beängstigenden Leidenschaft.
Als ich "Die Wohlgesinnten" las, tat ich den ganzen Tag nichts anderes, wenn ich von banalen Pflichten absehe, weil Dr. Aue mich an die Hand nahm und nicht mehr losließ, es sei denn, ich war müde und konnte nicht mehr.
"Die Wohlgesinnten" war mein Lebenselixier - keine zusätzliche Anregung durch andere Bücher oder durch Musik oder Gespräche meiner Lebensgeister war nötig.
Trotzdem hat meine gestrige literarische Reise durch die Zeit sehr viel Spaß gemacht, aber die besuchte mehrere Bücher und deren Welten, nicht nur eins.
[13:00]
Bei Lesen in Goethes "Faust" und "Dichtung und Wahrheit" dachte ich nicht selten: der Meister war sehr menschlich, geradezu sympathisch.
[13:30]
Heute titeln die Zeitungen geschlossen:
Arbeitslosenzahl sinkt auf 3,4 Millionen. Vollbeschäftigung möglich.
Selbstverständlich ist Vollbeschäftigung möglich. Daß ich dann trotzdem weiterhin nicht wenige Menschen treffen werde, die keine Arbeit haben, wird die kollektive Freude der Medien nicht schmählern.
Mein Bruder und ich tragen zur Zeit auch zur baldigen Vollbeschäftigung bei, denn wir sind auch nicht arbeitslos. Daß wir gleichzeitig in keinem Arbeitsverhältnis stehen, ist keine Widerspruch, sondern eine Frage der Definion:
Enttäuscht bin ich, daß auch die FAZ in das Loblied einstimmt, obwohl die Zeitung am 11. März 2008 als einzige - soweit ich das überblicke - schrieb: "3,2 Millionen Arbeitslose gelten nicht als arbeitslos" (siehe Tagebuch vom 11. März 2008, 21 Uhr).
[14:15]
Ich will meine Aufregung aber auch nicht übertreiben, denn in der Bundesrepublik hab ich noch nur kurz Vollzeit gearbeitet, meistens weniger als halbtags. Also war ich irgendwie schon immer arbeitslos.
[14:30]
Eben las ich in einer Buchbesprechung von Thomas Pynchon's "Mason & Dixon" folgendes:
Dixon bemerkt, wie sein künftiger Co-Adjutor in eine Art magnetischen Stupor, so der Begriff, den ein Mesmerianer wählen würde, verfallen scheint.
Dieser Satz auf Seite 29, dem hunderte ähnliche Ungetüme vorangegangen waren, brachte mich dazu, dieses Buch, von dem ich mir soviel versprochen hatte, bereits jetzt wieder wütend in die Ecke zu feuern. Was bitte will mir der Autor vermitteln?
Dann sollten wir sehen, was der Autor, nicht der Übersetzter, geschrieben hat (Taschenbuch Seite 19):
Dixon notes how his co-Adjutor-to-be seems fallen into a sort of Magnetickal Stupor, as Mesmerites might term it.
Auch ohne Englischkenntnisse sieht man, daß der Originalsatz viel übersichtlicher als die Übersetzung ist: ein Satz, eine Anfügung statt mehrerer verschachtelter Teilsätze.
Ich übersetze:
Dixon bemerkt, wie sein Co-Adjutor in eine Art magnetischen Stupor zu verfallen scheint, wie Mesmerianer es ausdrücken würden.
Das "altertümliche" ist jetzt nicht mehr die Verschachtelung, sondern sind nur noch die Begriffe:
Was der Autor vermitteln will, weiß ich nicht, habe aber auch nur diesen einen Satz herausgegriffen, kenne den Kontext nicht. Warum der Übersetzter den Satz komplizierter als der Autor gemacht hat, läßt sich nur vermuten.
[02.04.2008, mi, 9:00]
Wenn, dachte ich vorhin, Übersetzungen aus dem Englischen oft nicht die Bezeichnung verdienen, läßt sich das für alle Übersetzungen verallgemeinern oder sind die aus dem Italienischen besser.
Zum Beispiel Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel", in dem mir der Autor oft zu großspurig agierte und mir den Lesespaß nahm. Sollte ich auch in diesem Fall das Original zur Hand nehmen und zusammen mit der deutschen Übersetzung die richtige zimmern?
In "Il pendolo di Foucault", wie das Original heißt, konnte ich keinen Blick werfen [morgen kann ich es], aber in "Foucault's Pendulum", der englischen Übersetzung.
Auf Seite 12 der gebundenen Ausgabe wird ein Dialog zwischen einem Jungen und einem Mädchen wiedergegeben, der mit dem schnippigen Satz "Seine Sache" des Mädchens schließt.
In der englischen Ausgabe heißt es jedoch:
"I guess it's the Pendulum's business."
Vom Sinn her das gleiche, aber es ist ein Unterschied, ob ich mit zwei Worten, sozusagen kurzangebunden, antworte, oder mit einem Satz.
Die deutsche Übersetzung setzt fort mit "Erbärmlich". Die englische mit "Idiot".
In der deutschen Übersetzung fragt das Mädchen:
"Und was macht es da? Pendelt bloß so?"
In der englischen jedoch:
"What does it do? Just hang there?"
Ich glaube, jemand, der keine Ahnung vom Versuch hat, sagt eher "hängen" als "pendeln". Aber was schrieb Umberto Eco?
Um das herauszufinden, hab ich mein ersten italienisches Buch bestellt.
Ich bin ja vielleicht gespannt, nicht zuletzt, weil ich vom Italienischen nicht ein bißchen Ahnung habe, auch weil die Unterschiede zwischen deutscher und englischer Übersetzung beachtlich sind.
Der zweite Satz umfaßt in der deutschen Übersetzung dreieinhalb Zeilen, in der englischen nur anderthalb.
The sphere, hanging from a long wire set into the ceiling of the choir, swayed bach and forth with isochronal majesty.
Die Kugel, frei schwebend am Ende eines langen matallischen Fadens, der hoch in der Wölbung des Chores befestigt war, beschrieb ihre weiten konstanten Schwingungen mit majestätischer Isochronie.
Aber, wie gesagt: was schrieb der Autor?
Wobei ich mir vorstellen kann, daß auch das "Pendel" durch eine Übersetzung besser, das heiß lesbarer werden kann. Vermutlich aber nicht durch die deutsche.
[10:00]
Weil ich gestern schon mal die deutsche Übersetzung von "Mason & Dixion" mit dem Original verglich, immer auch der Frage nachgehend, ob Thomas Pynchon die schriftsprachliche Stimmung des 18. Jahrhunderts getroffen hat, die auch meine literarischen Zeitreise am verlängerten Wochenende anregte (siehe Tagebuch vom 31. März 2008), begab ich mich gestern abend noch einmal zum Co-Autor, um vor und nach ihm meine Untersuchung fortzusetzen.
Mason & Dixon, page 19:
There are the usual Requests. Does the Dog know "Where the Bee Sucks". What is the Integral of One over (Book) d (Book)? Is he maried?
Dann folgt: "Dixion notes ..."
Mason & Dixon, Seite 29:
Es kommen die üblichen Nachfragen. Kann der Hund "Wo die Bien', saug ich mich ein"? Weiß er, wann der Hase über die meisten Löscher läuft? Ist er verheiratet.
"Where the Bee Sucks" bezieht sich auf das gleichnamige Lied von Shakespeare:
Where the bee sucks, there suck I
In a cowslip's bell I lie;
There I couch when owls do cry.
On the bat's back I do fly
After summer merrily.
Merrily, merrily shall I live now
Under the blossom that hangs on the bough.
Wenn der Originalsatz schon erweitert wird, hätte auch mitgeteilt werden können, daß es sich um ein Lied Shakespeares handelt, in einer Fußnote zum Beispiel, während der englische Satz nur übersetzt wird:
Kennt der Hund "Wo die Biene saugt"?
denn durch "Wo die Bien', saug ich mich ein" weiß man auch nicht mehr.
Daß aus
What is the Integral of One over (Book) d (Book)?
aber
Weiß er, wann der Hase über die meisten Löcher läuft?
weiß ich gar nicht zu deuten.
"What is the Integral of One over (Book) d (Book)?" ist ein Witz von/für Jungstudenten, worauf man antwortet: log (Book) = logbook.
Keine Ahnung wie der Übersetzer auf Hasen kommt, die über die meisten Löcher laufen. Ist das ein Witz von/für Jungjäger?
Daß aus "What is ..." zudem "Weiß er, wann .." wird, fällt nicht mehr ins Gewicht.
Schon gar nicht, wenn ich mich nur auf der Doppelseite 28/29 weiter umschaue, deren Ergebnisse ich jedoch nicht vortrage.
[16:00]
War in der Kirche St. Peter und Paul.
Wollte einen alten Freund treffen, der dort arbeitet (1-Euro-Job). Er war nicht da, deshalb unterhielt ich mich mit einem seiner Kollegen.
Während er vieles erzählte, was ich nicht wußte, streifte ich mit meinen Augen durch den sehr schönen Innenraum der Kirche, ohne Fotos zu machen, weshalb, so vermute ich, die Bilder in meinem Gedächtnis eindringlicher geworden sind.
Es ist nicht nur die Orgel auf der Empore, die sich als zweidimensionales Bild einprägte, sondern eine Art dreidimensionales Modell, das ich beliebig drehen, vergrößern oder verkleinern und von allen Richtungen betrachten kann.
Vielleicht zeichne ich das nächstemal, wenn ich eigentlich fotografieren wollte.
[18:00]
Als heute in einem Buchladen war, sah ich Jonathans Littell's "Les Bienveillantes. Édition revue par l'auteur" (ist also nicht die Erstausgabe), und konnte nicht widerstehen.
Im Original von "Die Wohlgesinnten" sind viele Sätze zweisprachig, wobei deutsche "geflügelte Worte", so möchte ich es nennen, durch französische Worte erklärt werden (Seite 152, Taschenbuch):
Je vous rappelle que Führerworte haben Gesetzeskraft, la parole du Führer a force de Loi.
SS-Dienstgrade, "Fachausdrücke" wie Heimatschuss, Orte wie Prinz-Albrechtstrasse (ß wird immer als ss geschrieben) werden auch deutsch geschrieben.
[03.04.2008, do, 10:30]
Endlich bin ich, so scheint es mir jedenfalls, wieder von meiner starken Erkältung genesen.
Am 26. Februar 2008 hatte ich mich erkältet, als ich mit einem Freund auf der Brandenburger Straße stand und plauderte.
[12:00]
Auch wenn ich den Eindruck hatte, hätte meinem Sprachgefühl entsprechend schwören können, die englische Übersetzung von Umberto Ecos "Il pendolo di Foucault" würde dem Original näherkommen als die deutschte, stimmt das nicht.
Gestern, 2. April 2008, zitierte ich das Mädchen am Anfang des Buches:
Im Original heißt es:
"Affari suoi."
was ich mit:
"Seine Angelegenheit" (wörtlich: Angelegenheit seine)
übersetze. Insofern ist "Seine Sache" doch etwas schnippig, was vermutlich aber zutrifft, um dem besserwisserischen Jungen zu zeigen, was Sache ist, nämlich: nerv mich nicht mit deinem Geschwätz, das du selbst nicht verstehst.
Anmerkung am 11. März 2013, mo, 8:30: Wobei "Seine Sache" mehrdeutig ist, wenn man "Seine" auch in der Satzmitte großschreibt, wie es auch im Original geschieht: "affari Suoi, e non suoi".
Gleich danach schreibt die deutsche Übersetzung als Kommentar des Erzählers "Erbärmlich", die englische "Idiot". Im Original heißt es: "Miserabile", was auch ich - in diesem Zusammenhand - mit "erbärmlich" übersetze.
Insofern: ein Dankeschön an der Übersetzer Burkhart Kroeber!
[13:30]
Habe einige Artikel von Burkhart Kroeber gelesen und viel übers Übersetzen und Schreiben gelernt.
Und sehe mich in meinen Ansprüchen bestärkt, aber auch darin, nicht zu kleinlich zu sein: ob man im oben besprochenen Beispiel für "miserabile" nun "erbärmlich" oder "miserabel" oder "lausig", ja na. Aus "affari suoi" sollte aber nicht "I guess it's the Pendulum's business" werden.
Aber was bedeutet folgendes:
Die Wohnung befand sich im obersten Stock des Hauses, ein großer Vorzug in den Augen meiner Tante - wegen der Feuergefahr -, und [...]
Das hab ich nicht verstanden. Bei Feuer ist man oben besser dran, weil man nach oben wegfliegen kann, vielleicht durch einen Hubschrauber geborgen wird oder sich mit einem Gleitschirm rettet? Oder weil man an den immer aus dem untersten Stock aufstiegenden Flammer vorbei ins gespannte Sprungtuch springen und entkommen kann?
Der Satz bei Charles Dickens's "David Copperfield" heißt (vorletzte Seite des 23. Kapitels):
They were on the of the house - a great point with my aunt, being near the fire-escape - and [...]
[04.04.2008, fr, 12:00]
Ein Läufer eines 240 Kilometer langen, mehrere Tage dauernden Marathons durch eine Wüste (Marathon des Sables) auf die Frage, ob die Wüste einen verändert: ... danach sind Probleme im Alltag wie ein Klacks ...
Da dachte ich: du tust mir leid! Um Alltagsprobleme wie ein Klacks zu empfinden, laufe ich keinen Marathon.
Irgendwo hab ich gelesen, daß viele Läufer gern lange unterwegs sind, weil sie in dieser Zeit vollkommen abschalten können. Schon mal was von Meditation gehört? Da reichen so wenig Minuten, daß ein Läufer nicht mal warm geworden ist.
[14:00]
Wolfram von Eschenbachs "Parzival" (um 1210) beginnt so (teilweise anders geschrieben):
Ist zwîvel herzen nâchgebûr,
daz muoz der sêle werden sûr.
gesmæhet unde gezieret
ist, swâ sich parrieret
unverzaget mannes muot,
als agelstern varwe tuot.
der mac dennoch wesen geil:
wand an im sint beidiu teil,
des himels und der helle.
Wenn man die Zeilen liest, könnte man meinen, nach langem, langem lesen, sie heißen so:
Ist zweifel [im] herzen nach geburt
da muß die seele werden saur.
geschäht und geziert
ist, wann sich parriert
unversagt mannes mut,
als elsterns farbe tut.
des mannes dennoch wesen heil:
weil in ihm sind beide teil,
der himmel und die höll.
In der Ausgabe vom Deutschen Klassiker Verlag wird übersetzt, in Prosa:
Wenn das Herz mit Zweifeln lebt,
so wird es für die Seele herb.
Häßlich ist es und ist schön,
wo der Sinn des Manns von Kraft
gemischt ist, farblich kontrastiert,
gescheckt wie eine Elster.
Und doch kann er gerettet werden,
denn er hat an beiden teil:
am Himmel wie der Hölle.
Meine "Übersetzung" ist ganz schön nah dran, oder?
[23:00]
Nachdem ich gestern sehr angetan war von Burkhart Kroebers Übersetzungen der Werke Umberto Ecos, habe ich in einigen seiner Romanen gelesen, die ich teilweise schon seit Jahren besitze:
War eine sehr schöne Reise.
[05.04.2008, sa, 10:00]
Habe erstemal seit ich in der Zeppelinstraße wohne, gekochte Eier gegessen, während sie in einem Eierbecher standen.
Die, die ich in der Zektinstraße hatte, habe ich noch nicht gefunden, vielleicht sind sie auch unabsichtlich in der alten Wohnung geblieben, gleichweitige noch nicht zum Kaufen gesehen. Also hab ich bisher improvisiert.
Neulich fand ich bei einer Haushaltsauflösung gefällige Eierbecher. Heute habe ich sie ausprobiert: endlich wieder standesgemäß gekochte Eier essen, nicht mehr als Provisorium.
[11:30]
Um 1990 las ich J. Bernlef's "Hirngespinste".
Der Roman, heißt es im Aufmacher des Buches:
spiegelt in den Aufzeichnungen eines Einundsiebzigjährigen den schleichenden Prozeß des Altern als schmerzliche Erfahrung von geistigem und körperlichen Verfall, aber auch als verändertes Welt und Wirklichkeitsverhältnis, in dem jeder Tag zum Abenteuer wird.
Von Demenz oder Alzheimer spricht niemand, soweit ich erinnere, auch im Roman selbst nicht. So habe ich das Buch gelesen als Vorbereitung, wenn es mit mir langsam zu Ende geht.
Obwohl ich damals erst Mitte 30 war, "infizierte" mich das Gelesene so stark, daß ich teilweise Mühe hatte, den Treppenaufstieg zu meiner Dachwohnung zu schaffen. Auch spürte ich deutlich, wie mein Verstand immer länger brauchte, um zuvor einfache Dinge zu verstehen.
Meine damalige Freundin war erschreckt, ich fasziniert.
[12:30]
Jetzt lese ich ein Buch, in dem die Hauptfigur, Yambo, das Gedächtnis teilweise verloren hat (Umberto Eco "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana"), sich größenteils nur an Bücher erinnern kann, nicht an das, was tatsächlich geschehen ist.
Daraus entstehen lustige Situationen:
"Wie heißen Sie?" [...]
"Ich heiße Arthur Gordon Pym." [...]
"Nennt mich ... Ismael?" (Seite 10, gebundene Ausgabe),
oder
"Bomben auf Bagdad? Davon steht aber nichts in Tausendundeine Nacht" (Seite 20),
die aber gleichzeitig sehr beängstigen.
Geradezu surrealistisch wird es, wenn sich die Bucherinnerungen überlagern, kreuzen (Seite 24f):
Ich streichelte die Kinder [seine Enkel, die ihn im Krankenhaus besuchen] und nahm ihren Geruch wahr, ohne ihn definieren zu können, außer daß er zart roch. Mir fiel nur ein, daß es Gerüche gibt, die frisch wie die Haut von Kindern sind. Tatsächlich war mein Kopf gar nicht leer, er wirbelten allerei Erinnerungen darin herum, die nicht meine waren, Satzfetzen und Formeln, die Marquise verließ das Haus um fünf in der Mitte unseres Lebensweges, Ernesto Sabato und das Fräulein kamen vom Lande, Abraham zeugte Isaak, Isaak zeugte Jakob, Jakob zeugte Juda und Rocco und seine Brüder, vom Kirchturm schlug es Mitternacht und da sah ich das Pendel, an jenem Arm des Comersees schlafen die Vögel mit den langen Flügeln, Monsieur les anglain je me suis couché de bonne heure, hier wird Italien geschaffen oder man tötet einen toten Mann, tu quoque alea, Soldat, der davonkommt, sei froh, wenn du in Gefangenschaft gerätst, Fratelli d'Italia, ancora uno sforzo, der Plug, der die Scholle furcht, ist gut für ein anderes Mal, Italien ist erledigt, aber es ergibt sich nicht, wir werden im Schatten kämpfen und es wird sofort Abend sein, drei Frauen treten rings um mein Herz ohne Wind, der unbewußte barbarische Wurfspieß, zu dem du die kindliche Hand ausstreckst, fragt nicht nach dem närrischen Wort Licht, von den Alpen bis zu den Pyramiden zog in den Krieg er und band sich den Helm fest, frisch sind meine Worte am Abend durch jene vier groben Dutzendscherzchen, immer frei auf goldenen Schwingen, Ade ihr Berge, die ihr aus den Wassern auftragt, aber mein Name ist Lucia, oder Gretchen, oder Valentin, Soldat und brav, Guido, ich wünschte, daß sich der Himmel entfärbt, ich erkannte das Zittern, die Waffen, die Lieben [...]
Die Enzyklopädie fiel in losen Blättern über mich her, und ich schlug instinktiv mit den Händen um mich wie in einem Bienenschwarm. Und derweil riefen die Kinder mich nonno, und ich wußte nicht, wer von ihnen Giango, wer Alessandro und wer Luca war. Ich wußte alles über Alexander den Großen, aber nichts über meinen kleinen Alessandro.
Surrealistisch und traurig.
Daß man seine Frau, die man seit 35 Jahre kennt ist und die man, Yambo, in 30 Jahren Ehe wohl nicht nur einmal betrogen hat, nicht erkennt, ließe sich verschmerzen, aber die eigenen, noch kleinen Enkelkinder.
[06.04.2008, so, 11:30]
In der Nacht hat es mehrmals geregnet. Draußen nur 7 Grad Celsius. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken. Es sieht aus, als ob es bald wieder regnet.
Bei diesem Wetter ist meine Lust auf einen Lauf vergangen.
[07.04.2008, mo, 15:30]
So schwer nachzuvollziehen ist es nicht, aber ich wollte es nicht wahrhaben: Zensur in Belletristik, die in der DDR als Lizenz westlicher Verlage erschien.
Von wegen, den Mindestumtauschsatz als Westreisender in die DDR gut in Bücher anlegen: statt 50 D-Mark für ein gebundenes Exemplar von Umberto Ecos "Der Name der Rose" nur 14,20 DDR-Mark.
Durch Zufall fand ich heraus, daß im ersten Absatz des Buches in der Ausgabe durch den DDR-Verlag Volk und Welt folgendes verändert wurde (fett gedrucktes fehlt, in [eckigen Klammer] wurde eingefügt):
Der kostbare Fund meiner, also der dritte in zeitlicher Folge heiterte meine Stimmung auf, während ich in Prag die Ankunft einer mir teuren Person erwartete. Sechs Tage später besetzten sowjetische Truppen die gebeutelte Stadt. Ich konnte glücklich die österreichische Grenze bei Linz erreichen, begab mich von dort aus [Von dort aus begab ich mich] weiter nach Wien, wo ich mit der langersehnten Person zusammentraf, und gemeinsam machten wir uns, aufwärts dem Lauf der Donau folgend, auf die Rückreise.
Selbstverständlich frage ich mich, was der Zensur noch nicht gefallen hat.
[08.04.2008, di, 16:00]
Ich kann vorerst nicht weiter in Umberto Ecos "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" lesen, weil mich das Buch sehr trauig macht.
Zu sehr erinnert es mich an meine eigene Kindheit: Bücher, Bücher, wenig, fast keine Freunde.
Nicht, daß ich gar keine Freunde gehabt hätte, immer nur allein war, aber meist hab ich mich bei anderen gelangweilt und zog das Alleinsein vor.
Das läßt sich nicht mehr ändern, aber deshalb muß ich es nicht noch einmal erleben. Zumal die Geschichte nicht gut ausgeht: Yambo treibt seinen Blutdruck immer mehr in die Höhe. Es zeichnet sich ab, daß ihm noch einmal passiert, womit das Buch begonnen hat: Koma.
[20:00]
Nachdem ich in Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", den man einfacher schreiben kann, ohne an Qualität zu verlieren, weil so verzwickt, wie deutschen Übersetzungen von "A la recherche du temps perdu" oft sind, der Autor nicht geschrieben hat, und in verschiedenen Fassungen von Alexandre Dumas' "Der Graf von Monto Christo" gelesen habe, dachte ich, ich sollte wieder einmal und fast zum erstenmal in Miguel de Cervantes "Don Quixote" hineinschauen, und weil ich Freude fand, las ich weiter.
Daß es die erste originale Ausgabe im Internet gibt, hat mich sehr gefreut. Auch mehrere deutsche Übersetzung gibt es online. Aber zuerst sah ich in meine Buchausgabe von 1988, die die Übersetzung von Ludwig Tiek in der überarbeiteten Ausgabe von 1852/53 zu Grunde liegt, also schon die dritte Bearbeitung darstellt:
Erstes Kapitel
Handelt von dem Stande und der Lebensweise des ruhmvollen Edlen Don Quixote von la Mancha
In einem Dorfe von la Mancha, dessen Namen ich nicht entsinnen mag, lebte unlängst ein Edler, einer von denen, die die Lanze auf dem Vorplatz haben, einen alten Schild, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter und freitags Linsen, sonntags aber einige gebratene Tauben zur Zugabe verzehrten drei Vierteile seiner Einnahmen.
Beim ersten Erscheinen 1799 begann das erste Kapitel so (in Fraktur):
Erstes Kapitel.
Handelt von dem Stande und der Lebensweise des nahmhaften Edlen Don Quixote von la Mancha.
In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen ich mich nicht entsinnen kann, lebte längst ein Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr Rind- als Hammelfleich, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabens arme Ritter und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene Taben zur Zugabe, verzehrten drei Viertheile seiner Einahmen.
[09.04.2008, mi, 12:00]
Die erste deutsche Übersetzung von Miguel de Cervantes' "Don Duixote" (Don Quijote, Don Kichote) fertigte Pahsch Basteln von der Sohle 1648 an (aus langem und kurzem s wird in meiner Abschrift s):
Das 1. Capitel.
Vom Zustand vnd Ritterlichen Vbungen des weltberühmten Ritters Don Kichote de la Mantzscha.
An einem Ort der Landschafft Mantzscha oder Fleckenland / dessen Nahmens ich mich nicht erinnern mag / lebte vor wenigen Zeiten ein Rittersasse auß der Zunfft der jenigen / welche den Sperr vnterm Dach verwahrt liegen haben vnd mit einem Altväterischen Schilde / einem hagern Gaul vnd flüchtigem Windhunde versehen seynd. Drey Theil seines Gütleins vnnd Vermögens giengen vff seinen Vnterhalt vnd tägliche Speisung: in dem er zu seinem gewöhnlichen Gerichte etwas mehr Kuhfleisch als Schöpfens zur Abendmahlzeit / den mehrern theil nur Brüh zum titzschen vnd eintuncken / Kraut vnd Zugemühs des Sonnabends / Graupen vnnd Linsen des Freytags genoß / des Sontags aber jhm vber diß etwa noch eine junge Taub zurichten ließ.
[14:00]
Sehr schön auch, daß das Original von 1605 einzusehen ist (abgeschrieben vom Faksimilie; wie auch im Deutschen zu der Zeit: aus langem und kurzem s wird in meiner Abschrift s).
Capitulo Primero.
Que trata de la condicion, y exercisio del famoso hidalgo don Quixote de la Mancha.
En vn lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme, no ha mucho tiempo que vivia vn hidalgo de los de lanca en astillero, adarga antigua, rozin flaco, y galgo corredor. Vna olla de algo mas vaca que carnero, salpicon las mas noches, duelos y quebrantos los Sabados, lantejas los Viernes algun palomino de añadidura los Domingos: consumian las tres partes de iu hazienda.
Ich übersetze:
An einem Ort von la Mancha, dessen Namen ich ungern erinnere, lebte vor nicht langer Zeit ein Edelmann, der hatte eine Lanze im Gestell, einen altes Schild, ein dünnes Roß und einen tobenden Windhund.
... ich habe versucht, zu übersetzen.
[15:30]
"la Mancha" heißt auch "Schandfleck".
"hidalgo" heißt als adjektiv "adlig", ansonsten "Junker", "Edelmann", wobei von keinem edlem, sondern von einem armen Mann die Rede ist. Vielleicht sollte man "Ritter" übersetzen. Jedoch gibt es auch arme Edelmänner. Ritter trifft es insofern nicht, weil Don Quixote ja zu Hause sitzt und liest. Außerdem heißt Ritter im Spanischen: caballero.
"lanca en astillero": Lanze in der Werft - für "Werft" sollte mir noch etwas besseres einfallen. Vermutlich wäre "Gesell" gut; auf einer Bootswerft liegen Boote meist auf einem Gestell, weil sie auf dem Kiel instabil stehen würden. In der Übersetzung von Ludwig Braunfels heißt es: "Speer im Lanzengestell".
"galgo corredor" heißt so was wie "Windhund, Läufer/Wettläufer". Da Lanze, Schild und Roß zu nichts taugen, wird das wohl auch für den Windhund zutreffen, weshalb ich aus "wettlaufen" nicht "jagen", sondern "toben" in Sinne von "mit sich beschäftigt spielen" mache.
[19:00]
Ludwig Braunfels übersetzte 1848 wie folgt (nicht nach der Erstausgabe zitiert):
1. Kapitel
Welches vom Stand und der Lebensweise des berühmten Junkers Don Quijote von der Mancha handelt
An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens;
[20:00 - Nachtrag]
Ludwig Tieck übersetzte 1799 wie folgt:
Erstes Kapitel.
Handelt von dem Stande und er Lebensweise des nahmhaften Edlen Don Quixote con la Mancha.
In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als von Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Viertheile seiner Einnahmen.
[10.04.2008, do, 16:00]
Draußen sind es fünf Grad Celsius. Im Schatten, in der Sonne? Egal, Sonne ist nicht zu sehen.
[11.04.2008, fr, 18:00]
Heute war das Wetter nicht besser, aber ich bin trotzdem draußen gewesen, um wieder einmal einen längeren Weg zu gehen, nicht nur zum Kühlschrank und zurück.
[18:10]
Gestern hab ich nämlich in alte Unterlagen gesehen, die ich mit verschiedenen Schreibmaschinen schrieb, bevor ich einen PC hatte.
Unter anderem las ich ein Zitat vom kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow, von dem ich viele Bücher gelesen hatte, wie ich mich wieder erinnerte, nachdem ich fast 20 Jahre nicht an den Autor dachte.
In der Stadtbibliothek am Platz der Einheit wollte ich sehen, ob sie noch Bücher von Aitmatow haben und in einige hineinsehen.
Außerdem hat mich interessiert, welche Ausgabe von "Don Quixote" vorhanden ist. (Es ist die von Ludwig Tieck, die ich seit 1988 besitze.)
[18:30]
In meinen alten Unterlagen liegen viele Briefe anderer an mich, Kopien von Briefen, die ich anderen schrieb, Tagebucheintragungen, Geschichten und Gedichte.
Bis ich meinen ersten PC kaufte, schrieb ich alles mit Schreibmaschinen und speicherte, würde man heute sagen, die Texte auf Papiere.
[20:00]
Meine Briefe an verschiedene Frauen unterscheiden sich nicht stark. Er scheint mir so, als schrieb ich ihnen, was ich heute in mein Online-Tagebuch schreibe. Mehr oder weniger.
Einige Geschichten und Gedichte hab ich gefunden, an die konnte ich mich so wenig erinnern, daß ich glaubte, sie nicht geschrieben zu haben.
[12.04.2008, sa, 13:00]
Mein Bruder hat sich vor einer oder zwei Wochen einen Laser-Drucker gekauft (HP Laser Jet 1018).
Bisher ist er zufrieden und froh, den ganzen Tintenstrahldrucker-Streß nicht mehr zu haben.
Nachdem ich die letzten Tage meinen alten Schreibsachen gekramt habe, ist mir klargeworden: was ich ausgedruckt habe, kann ich auch in Jahrzehnten noch lesen; für das, was ich in irgendwelchen digitalen Formaten gespreichert habe, kann mir das niemand garantieren.
Vielleicht kaufe ich mich auch wieder einen Drucker.
[13.04.2008, so, 8:00]
Hab wieder mit meiner elektischen Schreibmaschine Optima SP 50 geschrieben, nachdem ich sehr große Sehnsucht nach meiner ehemaligen elektrischen Schreibmaschine Erika 3004 hatte und kurz davor vor, eine zu kaufen.
Nach dem Schreiben mit der Optima ist meine Sehnsucht nicht mehr so groß, weil die Maschine viel von der Erika hat und zusätzlich noch ein Euro-Zeichen.
Eigentlich ist die Optima die Nachfolgerin der Erika, einige Zeit wurde die Erika 3004 sogar unter dem Namen Optima 3004 vertrieben.
[12:00]
Ich schreibe mein 1990 geschriebene Geschichte "Grünbein" ab.
Beim Abschreiben merke ich, was ich anders schreiben möchte, weil ein Ausdruck keine Bedeutung mehr hat
(wer weiß heute, was eine "BRADIS-Uhr" ist - oder hab ich mich nur verschrieben?)
oder zu Mißverständnissen führen kann
("wie ein Buller, der gemästet wird" könnte auch eine Anspielung auf einen faulen Polizisten sein, war aber nicht so gedacht; eine Uhr die "10 vor 11" anzeigt, könnte Vormittag oder Abend meinen, denn heutzutag kann man rund um die Uhr in einer Bar sein)
oder ich es heute nicht mehr so
("noch ne Zigarette" und "hatr" würden heute zu "noch eine Zigarette" und "hat er")
schreiben würde.
Dann würde ich aber das Original verändern, wurde also nicht das Original digitalisieren, um es ins Netz zu stellen oder ins PDF-Format zu wandeln, sondern meine Bearbeitung.
[12:50]
Eigentlich will ich mich mit den alten Sachen gar nicht so sehr beschäftigen.
Ich habe sehr viele gelesen, war teilweise erschüttert, wieviel Haß gegen mich selbst in mir war, habe aber auch gestaunt, weil viele Dinge nicht ganz so geschehen sind, wie ich sie erinnere: die Einzelheiten verschwimmen doch zunehmend mit den Jahren.
Aber meine wichtigste Erkenntnis: fast keine Geschichte oder kein Gedicht würde ich heute so schreiben, wie ich sie damals schrieb.
In einer Buchbesprechung habe ich einmal (sinngemäß) gelesen: hätte ich gewußt, daß der Autor am Deutsche Literaturinstitut Leipzig (in der DDR hieß es: Literaturinstitut "Johannes R. Becher" Leipzig) studiert hat, hätte ich das Buch nicht gekauft: denn irgendwie klingen die Autoren, die dort studiert haben, alle gleich.
Als ich das gelesen hatte, war ich doch ziemlich echoffiert.
Beim Lesen meiner alten Geschichten dachte ich wieder an die Beschreibung, und irgendwie mußte ich ihr zustimmen, allerdings ohne mich angegriffen zu fühlen, denn: wir lebten alle in der DDR, und ich kann mit gut vorstellen, daß sich durch den neue Name des Institutes nicht so sehr viel an der Art der Ausbildung geändert hat.
Jedenfalls sehe ich in meine alten Geschichten und Gedichten eher historisiche als literarische Zeugnisse. Deshalb werde ich sie wohl weder digitalisieren noch im Web veröffentlichen. Bis auf eine Ausnahme: "Grünbein". Vielleicht.
[14:30]
Unter meinen alten Geschichten hab ich auch einige auf Papier gedruckte Aufzeichnungen aus der Zeit gefunden, deren digitale Notizen durch Datenverlust verlorengingen.
[15:00]
Hab mich nach 16 Tagen wieder einmal rasiert.
Mein Bart war schon so lang, daß ich ihn in eine Form hätte gestutzen lassen können, wie zum Beispiel Studenten ihn heutzutage tragen. Aber als ich in mein "junges" Gesicht sah, hab ich mich doch etwas erschrocken und meine "Verjüngung" abrasiert.
[14.04.2008, mo, 10:30]
Heute wachte ich mit einem Gedanken an Ewin Stittmatter auf.
Ich hab einige seiner Bücher gelesen. Spontan fallen mir Episoden aus seiner Romantrilogie "Der Laden" ein.
Folgendes Strittmatter-Zitat hat auch mich lange begleitet:
Der Sinn meines Lebens scheint mir darin zu bestehen, hinter den Sinn meines Lebens zu kommen.
Auch von Eva Strittmatter habe ich viele Bücher gelesen.
Leider hab die Bücher der beiden vor dem Umzug in die viel kleinere Wohnung in der Zeppelinstraße verschenkt, zusammen mit ungefähr der Hälfte meiner Bücher.
[11:30]
Ich werd mal schnell in die Stadt gehen, um zu sehen, welche Bücher es von Stittmatters gibt.
Wie die Laser-Drucker, von denen mein Bruder einen hat, aussehen, kann ich auch gleich mal gucken.
[15:15]
Bin zurück.
Hab viel mehr Bücher von Stittmatters gelesen, als ich heute vormittag erinnerte, stellte ich in der Stadtbibliothek fest.
Hab gleich mal bißchen in Erwins "Der Laden", "Der Wundertäter" und Evas "Briefe aus Schulzendorf" gelesen.
Der Drucker meines Bruder sieht toll aus und ist klein.
Selbst für 70 Euro bekommt man schon einen Laser-Drucker! Ob ich mir einen kaufe, ist aber nicht entschieden. Immerhin bin ich auch die letzten Jahre ohne Drucker zurechtgekommen. Außerdem bekommt man für 70 Euro viele schöne Bücher!
In Clemenz Meyers "Die Nacht, die Lichter. Stories" hab ich auch mal reingelesen. Scheint mir besser als sein "Als wir träumten", konzentrierter, weniger Lufttext und vor allen Dingen weniger nervige Milieudialoge.
Hätte damals wohl lieber die "Stories" kaufen sollen, aber 18 Euro 90 für nicht mal 300 gebundene Seiten eines Autors, den ich nicht kenne, waren mir zuviel.
Verkauft sich aber gut das Buch. In der Hand hatte ich ein Exemplar der dritten (gebundenen) Auflage, dabei ist es erst dieses Jahr erschienen.
[15.04.2008, di, 19:00]
Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet.
Eigentlich wollte ich in die Stadtbiliothek am Platz der Einheit. Zum Glück sah ich zu Hause im Online-Katalog nach: die mich interessierenden Bücher waren ausgeliehen oder in einer anderer städtischen Bibliothek.
Also hab ich das Haus nicht verlassen und in einem anderen sehr schönen Buch gelesen.
[19:15]
Seit gestern lese ich in Walter Moers' "Die Stadt der Träumenden Bücher".
Das Buch entdeckte ich im Buchladen bei Karstadt. Ich kannte zuvor weder den Titel noch den Autor - jetzt ist mir freilich klar, was Moers noch alles geschrieben oder gezeichnet hat; eine Schande, daß ich seinen Namen nicht kannte.
Ich stöberte in einem Buchstapel, da fiel mir das Buch auf, weil ich die Worte "Buch" und "Stadt" als Titel wahrgenommen hatte. Auch sprach mich der Umschlag an.
Auf einer gepolsterten Bank sah ich mir das Buch an: verschiedenen Schriften im Text, schöne Illustrationen; las einige Seiten: sehr schön geschrieben; keinen blöde reformierte Rechtschreibung.
Inzwischen hab ich rund 70 Seiten gelesen. Genüßlich, denn fast in jedem Satz gibt es Neues zu entdecken.
So ein schönes Gefühl beim Kennenlernen eines Buches hab ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehabt.
Gleichzeitig hatte ich nach einigen Seiten das Bedürfnis, sofort alle andern Bücher der Zamonien-Reihe zu kaufen, bevor ich sie nicht mehr gibt. Außerdem wollte ich mich verstecken, damit niemand mir meine schönen Erlebnisse wegnehmen kann.
Wie sollte das gehen? fragte ich mich, wenn niemand ohne meine Zustimmung meine Wohnung betritt oder mir vorschreiben kann, was ich lese.
Da sah ich meine Bodenkammer in Crimmitschau und mich, wie ich mich in der kleine Nebenkammer zwischen Schrank und kleinem Dachfenster verkroch.
[23:00]
Im Buch "Die Stadt der Träumenden Bücher" habe ich noch nichts unterstrichen, obwohl ich schon auf Seite 81 bin und es eigentlich viel zu unterstreichen gab, weil ich wie ein Kind lese, erkunde, staune, mich wundere, nicht protokolliere oder analysiere.
Dadurch finde ich jedoch bestimmte Stellen sehr schlecht, meist gar nicht wieder.
[23:10]
So recht weiß ich auch nicht, nach welcher Wichtigkeit ich im Text hervorheben sollte. Am ehsten noch nach wichtigen Ereignissen im Buch selbst: wann welche Figuren eingeführt werden, was sie erleben.
Sicherlich gibt es auch einen Bezug über die Geschichte hinaus, aber der ist für mich als naiver Leser vorerst uninteressant. So wie man in einer neuen Stadt oder Landschaft zuerst teilnimmt, Eindrücke sammelt, nicht fragt, schon gar nicht analysiert.
[16.04.2008, mi, 8:00]
Heute nacht träumte ich von meiner Heimatstadt Crimmitschau, allerdings als ware sie zamonienmodifiziert.
Ich war Busfahrer. Mein Bus war einer von vielen, der sich auf der Straßenbahnspur mit zwischen regennassem Kopfsteinpflaster abgesunkenen Schienen vorwärts quälen mußte.
So hatte ich mir Busfahren nicht vorgestellt, und erwachte.
[8:30]
Vor dem Traum fragte ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich meine Heimat (Crimmitschau, Land Sachsen) nicht verlassen.
Der Traum antwortete: wenn ich Busfahrer geworden wäre, wäre das ebenso eine Scheiße geworden wie ich es in Potsdam, Land Brandenburg, erlebt habe.
Daß es in Crimmitschau keine Straßenbahn gab und gibt, spielt keine Rolle. Die im Traum gesehene Strecke war eine Fahrt in Leipzig, stadteinwärts.
[11:00]
Gestern am späten Abend hab ich dieses Jahr die erste Mücke erschlagen.
Ich hoffe, das ist kein Zeichen für einen mückenreichen Sommer, denn letztes Jahr kamen Mücken erst im Sommer in meine Wohnung, außerdem sehr wenige.
[13:00]
Das war ein Albtraum, den ich auf ein starkes Eintauchen in die Welt von Zamonien in Walter Moers' Roman "Die Stadt der Träumenden Bücher" zurückführe.
Deshalb hab ich mit heute die drei davor erschienen Zamonien-Bücher gekauft - wie bei Karstadt, weil ich vorher sitzend in alle Bücher reinlesen konnte -, um weiter in die Welt eintauchen zu können, ohne zu lange und zu oft in der Stadt der Träumenden Bücher zu verweilen:
Alle vier sind übrigens in der Rechtschreibung bis 1996 erschienen. Der fünfte, noch nicht als Taschenbuch erschienene Band "Der Schrecksenmeister" in der Rechtschreibung nach 1996.
Welche genau konnte ich beim Probelesen nicht herausfinden, weil die Zamoien-Romane wenige Problemfall-Worte nutzen, wie zum Beispiel in "tut mir leid", was einige Zeit amtlich als "tut mir Leid" zu schreiben war. Auch Sätze wie "..., daß ..." gibt es wenige. Einige "wusste" und "musste" sind mir aufgefallen. Ansonsten scheint die "reformierte" Rechtschreibung kaum zu stören.
[21.04.2008, mo, 18:00]
Mehrere Bücher desselben Autors, dessen Namen ich vielleicht später preisgebe, haben mich für einige Tage in eine Welt versetzt, in der ich zuletzt als Kind lebte.
Das war wie ein schöner, aber längst vergessene Traum, der unerwartet doch noch wirklich wird.
Der aber nur kurze Zeit - in meinem Fall immerhin ein Woche (seit 14. April 2008) - gedauert hat, weil ich kein Kind mehr bin und nur als Erwachsener leben kann.
Mit allen Pflichten und Einschränkungen, aber auch mit der Möglichkeit, eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu leben.
Dementsprechend hätte ich auch noch länger in meiner Traumwelt bleiben können, aber irgendwann sagte etwas in mir, ich sei kein Kind mehr, es sei besser, mein Erwachsenenleben so zu gestalten, daß gar keine Sehnsüchte nach Kindertagen aufkommen.
Als ich dann heute wieder auftauchte, gab es unerfreuliche Nachrichten:
[23.04.2008, do, 17:00]
Vor rund 20 Jahren schwärmte mein Freund B., mit dem ich viele Jahre spazieren ging und übers Schreiben redete: "So müßte man schreiben! Wie Simmel in Es muß nicht immer Kaviar sein."
Der Titel kam mir bekannt vor. Vielleicht wegen der Verfilmung des Romans. Oder weil der Titel sprichwörtlich geworden ist. Oder vorher schon war. Das Buch oder ein anderes des Autors hatte jedoch nicht gelesen.
Seit gestern lese ich in "Es muß nicht immer Kaviar" von Johannes Mario Simmel. Und werde gut unterhalten.
[17:30]
Ebenfalls seit gestern teste ich Microsoft Office 2007. Hauptsächlich die Textverarbeitung Word, die einige Funktionen hat, durch die es sich angenehmer als mit Word XP arbeiten läßt.
[17:45]
Ich plane die Umgestaltung meiner Wohnung.
Zur Zeit habe ich ein Arbeits- und Schlafzimmer, Küche, ein Bad, das aber eher ein Waschraum ist, in dem ein Waschbecken hängt und eine Waschmaschine steht, und einen Flur.
Die Küche wird voraussichtlich wieder ins Bad umziehen, so wie es mein Vormieter hatte.
Mein Bett stelle ich dann in der ehemaligen Küche.
In meinem jetzigen "Schlafzimmer" steht der einzige Ofen. Außerdem liegt das Zimmer auf der Wetterseite, auf der auch ab Mittag die Sonne steht. Im Sommer kann ich abends das Fenster nicht öffnen, weil nur warme Luft ins Zimmer gelangen würde, während die gegenüberliegenden Seite ab Mittag schattig ist.
Das ist beim Arbeiten, sprich Schreiben, Lesen, Onlinesein, kein großes Problem, aber beim Schlafen: statt abends kühl zu werden, wird es in meinem Arbeits- und Schlafzimmer immer wärmer. Außerdem trommelt es an Fensterscheibe und an Dachziegel, wenn es stark regnet. Ist es sehr windig, schläg der Wind an dieselben.
[24.04.2008, do, 18:00]
Überrascht stelle ich fest, Simmels "Es muß nicht immer Kaviar sein" bereits bis Seite 132 gelesen zu haben.
Ich werde gut unterhalten, bin amüsiert. Neugierig lese ich ein Kapitel nach dem anderen. Abends kann ich das Buch kaum aus der Hand legen.
Und habe entdeckt: mein alter Freund B., mit dem ich übers Schreiben debattiere, muß die Romane Simmels sehr geliebt haben, denn nicht selten denke ich: Das hat doch B. gesagt! oder: So hat doch B. reagiert!
Man kann Simmels Schreibstil mögen oder nicht, aber man kann ihm nicht vorwerfen, nicht gut zu schreiben.
Ich bin nach den ersten hundert Seiten meines ersten Simmels angenehm überrascht und verstehe die Anfeindungen und Verunglimpfungen gegenüber dem Autor nicht.
[18:30]
Daß man nicht jeden Roman auf ebensolche solide Weise, wie Simmel schreibt, übersetzen kann, läßt sich nachvollziehen. Daß man aber den aktuellen Roman eines noch lebenden, von der Kritik geschätzen, vom Publikum mit einer umfangreichen Wikipedia gewürdigten Autors nicht angemessen ins Deutsche übersetzen kann, verstimmt mich sehr, ärgert mich gerdezu.
In der deutschen Übersetzung von Thomas Pynchon's "Aginst the Day", die unter dem Titel "Gegen den Tag" erschienen ist, wird auf der ersten Seite (zitiert nach der Leseprobe des Verlages) aus "hydrogen skyship" ein "wasserstoffbetriebenes Luftschiff". Dabei wurden (und werden) Luftschiffe durch Propeller angetrieben, die durch Dampfmaschinen oder Verbrennungsmotoren auf Drehzahl gehalten werden. Mit Wasserstoff füllte man den Auftriebskörper. Einige Seiten weiter wird "skyship" sogar mit "Himmelsschiff" übersetzt.
[Anmerkung am 30.04.2008, mi, 9 Uhr: Das Luftschiff wird tatsächlich durch eine wasserstoffbetriebene Turbine angetrieben, wie auf Seite 6 der englischen Ausgabe zu lesen ist. Das ändert aber nichts daran, daß Pynchon "hydrogen skyship" schreibt, nicht "hydrogen-driven skyship".]
Aus "Up we go!" wird "Wir fliegen!". Ein Luftschiff fliegt nicht, sondern es schwebt. Im konkreten Fall "fliegt" das Luftschiff bereits, wird nur von den Halteseilen am Aufsteigen gehindert. Es befindet sich also gar nicht am Boden wie zum Beispiel ein Heißluftballon mit seiner Gondel, sondern bereits in der Luft.
Selbst wenn man sich beim Übersetzen unsicher ist, sollte man aber ein technisches Grundverständnis haben, inbesondere nachdem man seit "Ende der Parabell" weiß, Pynchon bringt gern komplexen Sachverhalten in seinen Romanen unter.
Über die Übersetzung der Kommandos beim Ablegen des Luftschiffe kann ich nur den Kopf schütteln: aus "Now single up all lines", was auch immer das als Kommando bedeuten mag, wird "Vorspring und Achterleinen loswerfen!"
Wenn ich mich recht erinnere, werden die Leinen auch nicht losgeworfen, sondern nach oben gezogen.
Egal, wie schwer es ist, nautische Kommandos ins Deutsche zu übersetzen, daß man "frischauf jetzt" befiehlt, kann ich mir nicht vorstellen.
Nicht zu vergessen die Übersetzung von "Chums of Chance", wie sich die Helden der Unternehmung nennen. Wenn man eine ungefähre Vorstellung von der Handlung des Romanes hat, neigt man vermutlich dazu, sie "Kumpel des Glücks" zu nennen, obwohl "Chance" wohl nicht vordergründig "Glück" bezeichnet, aber es handelt sich um einen Namen, den sich "Glücksritter", Abenteurer, Entdecker gegeben haben, der ja auch gut klingen soll.
Auf die Idee, "Chums of Chance" als "Freunde der Fährnis" ("Fährnis" veraltet für "Gefahr"), zu übersetzen, wäre ich nie gekommen, weil es ja nicht hauptsächlich um Gefahr geht, sondern Gefahren zu meistern, Glück zu haben, Möglichkeiten zu nutzen.
Daß Sätze durch die Übersetzung komplizierten gemacht werden, als sie der Autor geschrieben hat, wie es scheinbar viele Übersetzer gern tun, erwähne ich nur der Vollständigkeit halben.
Alles zusammen hat mich dazu gebracht, "Gegen den Tag", 29 Euro 90, nicht zu kaufen.
[26.04.2008, sa, 16:15 - Nachtrag]
Habe im ProMarkt im Potsdamer Hauptbahnhof einen Laser-Drucker gekauft: HP Laserjet 1018, 89,99 Euro.
[29.04.2008, di, 10:00]
Die letzte Woche war ich viel unterwegs, habe viele Menschen getroffen. Gestern war ich dann wieder zu Hause und allein.
Aufgewacht bin ich mit dem Gedanken, wie schade es ist, daß ich soviel Zeit in meinem Leben nicht für wichtige Dinge genutzt habe, nutzen konnte. Ich hätte, so dachte ich, auch schon als 30jähriger das Nibelungenlied in Mittelhochdeutsch lesen und mich mit der Sprache und der Zeit beschäftigen können. Aber damals hatte ich sehr mit meinem Alkoholismus zu tun.
Oder noch eher. Warum bin ich denn zur Armee gegangen, in die als jemand eintrat, der nicht rauchte und sehr wenig, fast keinen Alkohol trank, die ich aber als Nikotin- und Alkoholabhängiger verlassen habe? Warum habe ich statt Panzer- und Kfz-Technik nicht etwas anderes studiert oder als vielseitig interessierter Arbeiter mein Geld verdient?
Jetzt hab ich schon 30 Jahre meines Lebens gebraucht (vergeudet?), um Dinge zu tun, auf die ich auch hätte verzichten können: auf das Selbstzerstören meine Seele, statt sie nach der Zerstörung durch andere zu retten, ebenso wie auf ihre Befreiung, die hoffentlich endlich abgeschlossen ist.
Diese Gedanken beschäftigten mich den ganzen Tag und machten mich sehr mutlos. Ich wünschte mir, meine Stimmung würde sich bald aufhellen, aber sie wurde immer dunkler.
Gegen halb neun abends kochte ich mir dann etwas Leckeres, und als ich normal satt gewesen bin (mich also nicht überfressen hatte), waren meine mich verzweifeln lassenden Gedanken plötzlich verschwunden.
Und sind bis jetzt nicht wiedergekehrt.
Noch einmal deutlich: ich habe nichts anderes getan, als ordentlich zu essen (nachdem ich die Tage davor wenig gegessen hatte, denn wenn ich normal esse, nehme ich zwar nicht zu, aber auch nicht ab, und das heißt mein Übergewicht von rund 30 Kilo bleibt; 120 Kilo statt 90 bei 1,84 m Körpergröße), und schon fühlte ich wieder Zuversicht.
Gewundert hat mich übrigens, warum ich nach vielen Tagen Gemeinsamkeit nicht traurig wegen meine Alleinsamkeit geworden bin. Scheinbar nehme ich Alleinsein in Kauf, um meinen vernachlässigten Interessen nachzugehen. Oder habe inzwischen anerkannt, wie schwer es ist, jemand mit gleichen Interessen zu finden.
Wie auch immer: mir bleiben noch 20, vielleicht 30 Jahre, in denen ich mein Leben gestalten kann. Dann wird es mich entweder nicht mehr geben oder ich bin zu schwach. Das ist eine sehr traurige Vorstellung, zumal ich ja weiß, wieviel Zeit 20 oder 30 Jahre sind: vor 30 Jahren, am 1. Juni 1978, wurde ich zur Armee eingezogen; vor 20 Jahren hatte ich meine schwersten Trinkerjahre; erst seit rund 15 Jahren bin ich trockener Alkoholiker; erst seit wenigen Monaten scheint meine seelische Gesundung abgeschlossen.
Das heißt nicht, meine Seele ist jetzt gesund, sondern bedeutet: mehr gibt es wohl nicht zu heilen. Wie ich jetzt bin, bin ich mir am nächsten. Sicherlich nicht optimal für ein Zusammensein, aber ich will mich nicht mehr verbiegen. Der liebe und brave Andreas war ich früher, jetzt bin ich nur noch Andreas.
[11:15]
Wie wäre ich denn gern geworden, wenn mein Leben gesund verlaufen wäre?
Für Bücher und Geschichten hab ich mich schon immer interessiert. Wahrscheinlich sogar noch mehr als für Musik. Ein gute Geschichte zu erzählen, kann wie Musik sein, aber auch mehr.
Früher hab ich mich für Technik interessiert, aber wohl nur, um meinen leiblichen Vater, der acht Wochen nach meiner Geburt starb, zu ehren. Vermute ich. Jetzt hab ich nicht mal Lust, ein Loch in die Wand zu bohren, wenn ich einen Spiegel aufhängen will, und stelle ihn eben auf den Fußboden oder nutze ein vorhandenes.
[15:00]
Es sind 22 Grad Celsius im Schatten. Ich mache mich fertig, in die Stadt zu gehen, um den Buchladen im Erdgeschoß von Karstadt zu besuchen (hin und zurück fünf Kilometer Fußweg).
[15:15]
Kaum hab ich das Haus verlassen, merke ich: kein Schatten mehr, weil die Sonne sich hinter Wolken versteckt, Wind, und ich hab keine Jacke an, bin in Hose und Hemd unterwegs. Da werd ich aber schnell gehen müssen, damit mir nicht kalt wird. Noch einmal nach oben gehen möchte ich aber nicht, denn wenn die Sonne wieder scheint, schleppe ich die Jacke nur, von einer Hand in die andere gebend.
[16:00]
Im Buchladen liegt Thomas Pynchon's "Gegen den Tag" aus.
Die Text scheint mit der Leseprobe übereinzustimmen.
Jetzt erst fällt mir auf: "Fertig machen zum Ablegen!" schreibt man nach den "neusten" Rechtschreibung (Sommer 2006) inzwischen wieder "fertigmachen", und da das Original im November 2006 erschienen ist, sollte bis zum Druck der Übersetzung ... Ich meine, wenn schon "neue" Rechtschreibung, dann sollte es die aktuelle sein. Wobei Literatur für gehobene Ansprüche weiterhin in "alter" Rechtschreibung erscheinen könnte, weil die keine Schüler lesen, die eventuell ins orthographische Durcheinander geraten könnten.
Einen Kauf kann ich widerstehen, obwohl das Buch direkt vor mir liegt, während ich im Buchladen auf einer Bank sitze und in Büchern des bisher noch nicht namentlich genannten Autors lese, dessen Bücher mir sehr viel Freude machen.
[17:00]
Bin wieder zu Hause. Draußen sind es nur noch 17 Grad Celsius.
Auch während des Rückweges war ich schnell zu Fuß, damit mir nicht kalt wird und ich mich nicht wieder erkälte.
[30.04.2008, mi, 15:30]
Heute morgen hab ich einen Fehler gemacht: ich hab die Leseprobe von Thomas Pynchon's "Gegen den Tag" komplett gelesen, und als ich am Ende war, wollte ich gern weiterlesen. Aber mein Englisch ist leider nicht so gut, daß ich einen Pynchon-Roman (in diesem Fall "Against the Day", Tagebuch am 17. April 2007) ohne große Unterstützung lesen kann.
Also hab ich vorhin (wieder fünf Kilometer Fußweg) "Gegen den Tag" gekauft (29,90 Euro). Mußte mir aber versprechen, nicht mehr über mir nicht passende Übersetzungen und dergleichen zu jammern, denn niemand zwingt mich, "Gegen den Tag" zu lesen.
Bemerken möchte ich aber noch: daß aus 1085 Seiten "Against the Day" 1596 Seiten "Gegen den Tag" geworden sind, liegt zum größten Teil am kleineren Buchformat (14,5 x 22 cm statt 16 x 24 cm) sowie der schlechteren Seitenausnutzung (etwas größerer Rand). Die Schrift scheint die gleiche zu sein, die Schriftgröße auch.
[17:00]
Grit P. hat mir geschrieben und mich gebeten, etwas auf meiner Seite über sie zu ändern.
Der betreffende Satz hieß vom 21.12.1998 bis heute:
Grit P. kenne ich. Mitte der achtziger Jahre waren wir zusammen im "Zirkel schreibender Arbeiter". Während ich nur wollte, daß man mir zuhört, wollte sie damals schon schreiben.
Dort schrieb ich ursprünglich:
Anmerkung am 30.04.2008, Mittwoch, 16 Uhr: Grit hat mir geschrieben. Nach ihrer Erinnerung hieß die Runde, in der sich Schreibende traffen, unter anderem sie und ich, nicht "Zirkel schreibender Arbeiter", sondern Zirkel "Leben-Liebe-Zukunft". Grit hat mich gebeten, das zu präzisieren.
Der andere Name ändert allerdings nichts an der Aufgabe, die eine ideologisch-erzieherische war, zumal der Überbegriff trotzdem "Zirkel schreibender Arbeiter" bleibt, der sich in diesem speziellen Fall eben "Leben-Liebe-Zukunft" genannt hat.
Ich erinnere mich, daß ich auf der Suche nach anderen Schreibenden von jemand in der Potsdamer Stadtbibliothek als Ort das Rathaus Babelsberg genannt bekam, wo sich ein "Zirkel schreibender Arbeiter" trifft. Auf meinen Einwand, daß ich eigentlich nicht soviel über Arbeit und so schriebe, sagte man mir, es sind auch eigentlich keine Arbeiter vertreten, man nennt das eben so.
Abgesehen davon war ich mir klar, und hätte jedem im Zirkel klar sein sollen, daß man im Zirkel mit Äußerungen vorsichtig sein sollte, denn Hauptziel des Zirkels war, zu beobachten, zu kontrollieren, zu lenken. Ich bin überzeugt, daß man nicht lange unbehelligt einen DDR und den Wunsch, diese zu verlassen, zum Besten gegeben hätte, ohne die Aufmerksamkeit der Staatsicherheit zu erregen.
Wenn ich mich recht erinnere, war der Leiter des Zirkels Wissenschaftler an einer Akademie, die auf keinen Fall gegen die Diktatur des Proletariats gewirkt hat, seine Ehefrau arbeitete als Dozentin an der Parteischule der SED in Potsdam. Einen direkteren Draht zur Partei konnten wir Zirkelmitglieder fast nicht haben, es sei denn, wir wären selbst Genossen gewesen.
Ich will niemanden zu nahetreten, aber es würde mich nicht wundern, wenn unsere Aktivitäten zusammengefaßt weitergeleitet worden sind. So war das eben in der DDR.
Vielleicht sehe ich das aber auch alles lockerer, weil ich damals schriftlich hatte, mit den Feinden des Sozialismus zusammenzuarbeiten.
[21:00]
"Gegen den Tag" liest sich zwar einfacher als "Against the Day", aber längst nicht einfach.
Ohnehin lese ich wieder in beiden Ausgaben: Pynchon schreibt, wenn er meint, keine große Sache, machen wir locker "duck soup", was mit "ein Kinderspiel" übersetzt wird; "duck soup" finde ich lustig. Oder was in der deutschen Übersetzung "Spatzenhirn" benannt wird, ist für Pynchon "bean-brain"; finde ich auch lustig.
Außerdem schlage ich in der Pynchon-Wiki nach, um Feinheiten und Interpretationen zu erfahren.