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Rechtschreibreform - Kontakt mit einem Reformbefürworter

[31.03.05, do, 19:25]

Anfänglich hielt ich ihn für einen aufgeweckten jungen Mann, interessiert an einer besseren Rechtschreibung.

Am Ende fühlte ich mich versetzt in finstere DDR-Zeit, als die Meinung der Partei das Maß aller Dinge war und die meisten Genossen gedankenlos die Argumente des Obergenossen nachplapperten: Selbstverständlich blieb keine Frage unbeantwortet, denn die Partei ist allwissend, und wer die Antwort nicht verstand oder meinte, das sei zwar eine Antwort, aber nicht auf die gestellte Frage, sollte in aller Ruhe noch einmal die vorzüglichen Gedanken des Obergenossen nachvollziehen, denn wenn sich jemand irrt, dann ist es ein einzelner, nicht die Partei.

Da hatte ich dann wieder einmal erfahren: die Rechtschreibrefom wird nicht von Wissenschaftlern vorangetrieben, sondern von Politikern und Ideologen!

(Siehe auch Tagebuch vom 26. März 2005.)

 

 

Ich meinen Mails schrieb unter anderem [Text ist überarbeitet und leicht erweitert]: Auch die neue ss-ß-Schreibung hätte die häufigsten Rechtschreibproblem nicht beseitigt, sondern nur verlagert.

Schrieb man vor der Rechtschreibreform fälschlich "das" statt "daß", schreibt man heute fälschlich "das" statt "dass". Auch heute schreibt man "Ergebnis", aber nicht "Kompromis", sondern nur "Kompromiss" statt "Kompromiß".

Zwar schreibt man jetzt "müssen, ich muss, du musst", aber weiterhin "schließen", nicht "schliessen", obwohl man "Schluss" und "er schloss" schreibt.

Dafür hat man dann solch schwer zu lesenden Wörte wie "Stresssituation" (siehe neue Rechtschreibung, drei s hintereinander in verschieden Schreibweisen in Antiqua und Fraktur).

Für dessen Entschärfung man offiziell "Stress-Situation" schreiben kann. Vielleicht setzt sich ja auch "StressSituation" oder "Stress Stituation" oder "stress situation" durch.

Falls die Rechtschreibreform nicht insgeheim darauf abzielt, die deutsche Sprache gehorsamst der englischen anpassen, könnte man ja auch, trotz neuer ss-ß-Schreibung, zumindest im Silbenauslaut wieder ß und damit "Streßsituation" schreiben.

Da die Rechtschreibreform gerade Rechtschreibschwachen, die wohl meist auch Leseschwache sind, helfen soll, sollte man ohne Skrupel im Silbenauslauf wieder ß schreiben dürfen.

Dann würde man immer noch "dass" schreiben und damit die Haupterkennng der neuen Rechtschreibung beibehalten, auch würde man weiterhin "Stress" schreiben, was sich als Einzelwort nicht schwerer als "Streß" liest, nur wenig deutscher, aber die schwer zu lesenden und häßlichen Worte wie "Stresssituation" würden vermieden.

 

Davon abgesehen, ist die bestonungsbestimmte ss-ß-Schreibung im Silben- und Wort-Auslaut eher eine schreibbestimmte Aussprache und sehr fehlerträchtig, weil die Ausspracheunterschiede gering sind und sich außerdem niemand fragt, ob er richtig spricht, sondern davon ausgeht, richtig zu sprechen.

Daraus entstehen nicht nur Probleme bei "Spaß", das man gern "Spass" schreibt, sondern auch bei "Gruß".

Auch wenn duden.de schreibt:

Wenn Sie die beiden Wörter Gruß und Kuss laut nacheinander aussprechen, werden Sie sofort den Unterschied bemerken:
Der Vokal (Selbstlaut) u im Wort Gruß wird lang gesprochen, während das u im Kuss nur kurz ausgesprochen wird.

Denn wohl nicht nur in Berlin spricht man Gruß und Kuß in der zweiten Hälfte gleich. Da liegt nache, da man jetzt "Kuss" schreibt, auch "Gruss" zu schreiben.

Vielleicht, schlußfolgerte ich, sollte man sich fragen, weshalb sich die "neue" ss-ß-Schreibung nicht durchsetzte, obwohl sie schon im 19. Jahrhundert ersonnen und eingeführt wurde.

Und regte an: Wenn man schon zurück in die Zukunft gehen will, dann sollte man doch wieder wie zu Zeiten Luthers schreiben: da gab es kein Unterscheidung zwischen "das/daß" - man schrieb in beiden Fällen "das". Außerdem schrieb man "ich weis", "ich mus", was auch der heutigen Aussprache von "ich weiß", "ich muß" nahekommt, deren Schreibung aber jetzt einmal am Ende ß bei "ich weiß" bzw. ss bei "ich muss" ist.

Man antwortete: ... das wiederhole ich auf keinen Fall! Statt dessen rufe ich aus: Soll sich auch dort, wo der Staat Allwissen zu besitzen glaubt, das Gute, das Bessere durchsetzen!

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