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Rechtschreibreform - Die "neue" ss-ß-Schreibung muß zurückgenommen werden und das ß erhalten bleiben

[05.09.04, sa, 12:45]

Die neue ss-ß-Schreibung ist das Erkennungsmerkmal der neuen Rechtschreibung und wird in oft vorkommenden Worte wie dass, muss, Anlass, Kompromiss auch für Rechtschreiblaien sichtbar.

Oder auch in Worten wie Fuss, Füsse, Gruss, Spass, weiss, gross(e), ausser, reissen, schliessen, geniessen, ermässigt, süss(e), heissen, heisst, draussen, aussen, Strasse, anschliessend, die alle, auch nach der neuen Rechtschreibung, nicht mit ss, sondern mit ß geschrieben werden.

Diese Schreibungen zeigen, wie unsicher die einfache Regel

ß nach kurzem (betonten) Vokal wird (auch im Auslaut von Wortstämmen) durch ss ersetzt

ist, weil nur jemand, der hochdeutsch [1] spricht und weiß, daß nach langem Vokal ß statt ss geschrieben wird, sie richtig anwenden kann.

Allerdings galt das auch schon vor der Rechtschreibreform, denn neu ist nur "auch im Auslaut von Wortsämmen". Schon vor der Rechtschreibreform schrieb man Masse bzw. Maße.

Vielleicht nutzt mancher die Veränderung, um die eigene orthographische Unsicherheit zu überdecken, statt in einem Wörterbuch nachzuschlagen.

Extrem fand ich das Bekenntnis eines jungen Befürworter der Rechtschreibreform, er habe gar kein nach den neuen Rechtschreibregeln verfaßtes Wörterbuch. Außerdem fragte er: Weshalb braucht man überhaupt ein ß? - In der Schweiz geht es ja auch ohne.

 

Da kann ich mich einklinken: Da die neue ss-ß-Schreibung die Schreibung das/dass nicht vereinfacht hat, sollte wir wieder schreiben wie zu Luthers Zeiten:

Damals wurde "dass" und "das" noch nicht unterschieden.

Sehen Sie einen Ausschnitt aus einer Luther-Bibel von 1545, 1. Mose 1,10:

daß / das

(Bezeichnung des Verses nach späteren Ausgaben. Die originale Luther-Bibel hatte sie nicht. Sehen Sie eine Kopie der ersten Seite von 1. Mose 1 auf meinen Bibel-Seiten, Luther-Bibel 1545.)

 

Außerdem kannte man das ß noch nicht, sondern schreib langes und Schluß-s, wenn ss nach kurzem Vokal folgte, auch im Auslaut. Das ist im Grunde eine ss- statt einer ß-Schreibung.

Sehen Sie einen Ausschnitt aus einer Luther-Bibel von 1545, 1. Mose 3,12:

ss / ß

 

Das ß ist aus der Schreibung von Lang-s und Schluß-s erwachsen, das man nach langem Vokal oder am Wortstammende schrieb.

Aus

ass und Hass

wurde also

aß und Haß

bzw. in Antiqua "aß" und "Haß".

 

Die alte ss-ß-Schreibung kehrt also zurück, nur daß sich die heute dadurch entstandenen Worte schlechter lesen lassen, weil man langes und kurzes s immer als kurzes s schreibt.

 

Das wird nicht unbedingt durch die Worte "Ass" oder "Hass" deutlich, aber in Zusammensetzungen.

Im Wort "Hasssituation" erkennt man schlechter, wo das eine Wort endet, das andere anfängt.

Von den Schwierigkeiten bei "Messerwartung" und "Meßerwartung" oder "Esserfolge" oder "Eßerfolge" will ich jetzt nicht anfangen, weil die Worte selten vorkommen.

Aber das Problem wird ebenso deutlich bei "Stresssituation" oder "Schlossstraße", weil sich, da das ß deutlich das Ende des ersten Teilwortes anzeigt, die Worte in der Schreibung "Streßsituation" und "Schloßstraße" besser erkennen und damit besser lesen lassen.

Daß für die deutsche Sprache die Schreibung mit langem und Schluß-s ohnehin besser ist, weil das Fugen-s besser zu erkennen ist, habe ich schon öfter ausgeführt, aber in Fraktur wird man offiziell in Deutschland wohl nicht mehr schreiben. Leider. (Siehe: Wiedereinführung der Frakturschriften.)

 

Der folgende Text ist aus dem Buch "Katholischer Volks-Katechismus, dritter Theil: Gnadenlehre" von Franz Spirago, 1893, Seite 6:

langes s, kurzes s

Sie sehen beim "Messopfer" und "Genuss", den Vorteil der Schreibung langes s, kurzes s für ss, wenn ss statt ß geschrieben wird.

Außerdem in "dasselbe", wie die Schreibung kurzes s am Wort- oder Wortteilende, langes s am Wort- oder Wortteilanfang das Lesen erleichtert.

 

Und Mißverständnisse vermeidet, wenn man zum Beispiel "Potsdam" wie folgt schreibt:

Pot+dam

Dann ist nämlich klar, daß man "Pots-dam" spricht, nicht "Pot-sdam".

Sie werden vielleicht sagen, ist doch klar, wie man Potsdam ausspricht. Ich sagen Ihnen aber: Nach den Trennregeln der "neuen" Rechtschreibung, hören und lesen Sie Worte, das glauben Sie nicht.

 

Ein Beispiel, das das deutlicher macht, ist "bißchen", das man jetzt "bisschen" schreibt.

Schon bei der Schreibung "bißchen" sprachen nicht wenige (und nicht nur Sachsen) "bis-schen". Wenn man das Wort aber gesehen hat, war klar, daß es "biß-chen" gesprochen wird.

Auch in der Schreibung mit langem und kurzen s würde das deutlich, wenn man ss statt ß schreibt, wie es die "neuen" Rechtschreibregeln verlangen.

Würde man "bis-schen" sprechen, schrieben man erst kurze, dann langes s, weil der erste Wortteil "bis" heißt (die falsche Schreibung, dient nur der Demontration):

bis-schen

 

Richtig schriebe man nach den "neuen" Regeln langes, dann kurzes s, weil das erste Wortteil "biss" ist:

biss-chen

Leider habe ich kein Rechtschreibwörterbuch aus dieser Zeit, und in dem Buch von 1893, meinem einzigen in der "neuen" ss-ß-Schreibung, habe ich das Wort "bißchen" noch nicht gefunden.

 

Die "neue" ss-ß-Regel ist entstanden, als man Fraktur schriebt und entsprechend auf diese Schreibung abgestimmt. Dort führt sie zu keinen Mißverständnisse, und ich bin mir sicher, hätte man damals schon auf die Unterschreidung zwischen langem und Schluß-s verzichtet und immer (kurzes) s geschrieben (wie man es heute in Antiqua-Schriften tut), hätte man diese Regel gar nicht ersonnen, weil sie schnell zu Mißverständnissen führt und das Lesen erschwert.

 

Ganz davon abgesehen, bin ich überzeugt: Im Grunde dient das ß als Überbleibsel der Schreibung mit langem und Schluß-s zu besseren Lesbarkeit und hat weniger mit dem Kenntlichmachen der Aussprache zu tun.

Jedenfalls nicht im Ursprung, denn als man bereits langes und Schluß-s schrieb, schrieb man noch "Kus" statt "Kuß" (bzw. statt ß langes und Schluß-s), "weis" statt "weiß", "mus" statt "muß".

Und da Rechtschreibung zuerst dem guten Lesen dient, muß die neue ss-ß-Schreibung rückgängig gemacht werden und darf außerdem das ß auf keinen Fall generell durch ss ersetzt werden.

 

Nach meiner Meinung sollte auch die Schweizer das ß wieder einführen oder wiedereinführen, zumal es heute wohl keine technischen Gründe mehr gibt, auf das ß zuverzichten [2]. Dann könnten die Eidgenossen auch wieder ohne nachzudenken "Masse" und "Maße" unterscheiden und wären nicht auf den Kontext angewiesen, weil sie nicht "Masse" und "Masse" schreiben würden.

 

Lesen Sie auch: Kontakt mit einem Reformbefürworter.

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[1] Oder nach den Festlegungen - durch wen? - spricht. Ich hätte wetten können, auch nach den neuen Rgeln gibt es nur "anläßlich", weil ich das "ä" nicht kurz betone, auch noch nie kurz betont gehört habe. Ä, ö, ü kurz zu betonen, ist nicht leicht.
Nebenbei: auch bei "Anlaß" betone ich das "a" nicht kurz, sondern ebenso lang wie das "a" in "Spaß". Dabei spreche ich normalerweise ohne Dilalekt, weil ich als Sachse, der fast alles Buchstaben dehnt, als Zehnjähriger nach Berlin kam und dort bei guten Deutschlehrern, die teilweise am Theater gearbeitet hatte, meine neue Aussprache lernte.

[2] Im mechanischen Zeitalter ließen sich in schweizer Schreibmaschinen durch die Mehrsprachigkeit des Landes nicht alle Zeichen plazieren, so entschloß man sich, auf das ß zugunsten anderer Buchstaben zu verzichten. Schrieb aber in Büchern meist weiterhin ß.