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Lebensstationen


Vorwort

Ich werde keine Autobiografie im eigentlichen Sinne - falls es den überhaupt gibt - schreiben, sondern Lebensstationen verknüpfen mit Episoden, die in meinem Gedächtnis weiterleben, und mit kleinen Geschichten, die ich teilweise vor Jahren schrieb, als ich mir nichts Schönes vorstellen konnte, als Schriftsteller zu werden.

[04.03.99: Mit dem Projekt agte habe ich das Vorhaben Autobiografie aufgegriffen: agte.]

Aber, neben diesen meist lustigen Episoden, werde ich, so fühle ich jetzt, über viele Dinge schreiben, die mich Jahrzehnte, nach denen sie geschehen sind, noch immer zu Tränen rühren. Damit entspreche ich dem Wunsch einiger meiner inneren Stimmen, die sich neulich im Traum von einer friedlichen Welt meldeten und forderten, ich solle mich mehr um meine vergangenen Gefühle kümmern, damit sie nicht von den heutigen überschüttet werden.

Zu den einzelnen Stationen, denen ich jeweils eine Seite widme (03.09.00), auch wenn noch nicht viel auf ihnen steht, aber ich wage mich das erste Mal, seit ich diese Seite erstellte (wahrscheinlich schon im Sommer 1998) wieder an das Thema heran, bin bereit, auch den unschönen Geschehnissen in meinem Leben ins Auge zu sehen, die mich Jahrzehnte nach ihren Stattfinden immer noch an meinem eigenen Leben, vor allem an meinem eigenen Glück hindern (siehe Tagebuch vom 03.09.00).

Geboren wurde ich in Ronneburg.

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Ronneburg

In Ronneburg (Thüringen) wurde ich am 7. Juli 1959 geboren.

Meine Mutter, mein Vater und ich wohnten in Braunichswalde, unweit von Ronneburg.

Ungefähr acht Wochen nach meiner Geburt wurde mein Vater auf dem Weg zur Arbeit von einem LKW der WISMUT erfaßt und tödlich verletzt.

Nach dem Tod meines Vaters ging meine Mutter bald wieder zur Arbeit. Während ich in Crimmitschau in einem Wochenheim war, arbeitete sie in Ronneburg. Da ich das Leben im Heim nicht vertrug, suchte meine Mutter Pflegeeltern für mich, die sie in Kühnhaide bei Zwönitz fand.

*

Stellt sich die Frage, warum meine Mutter mich im Crimmitschau nicht von meinen Großeltern hat umsorgen lassen. Zumindest am Abend.

Ich glaube, meine Großeltern und meine Mutter verstanden sich damals, nach dem Tod meines Vaters, nicht besonders. Zumindest machten die Eltern meines Vaters meiner Mutter Vorwürfe, sie sei nicht unschuldig an den Tod ihres Sohnes, um es vorsichtig zu formulieren.

Mein Großvater konnte meinen Vater, nach anfänglichen Reibereien (meine Mutter war Einzelkind) gut leiden. Dann war ich plötzlich ohne Vater, der bei der WISMUT gut verdient hatte, meine Mutter war (ungelernte) Fabrikarbeiterin. 1959 im Osten Deutschland, ich kann mir denken, daß man dort nicht besonders gut lebte, als junge Witwe mit Kind.

Meine Mutter erzählte mir, ihre beste Freundin hätte hin und wieder hin in diesem Wochenheim vorbeigesehen und meiner Mutter gesagt, dort würde man sich nicht um die Kinder kümmern. Wiesen ihre Eltern sie nicht darauf hin oder ermahnten die Erzieher?

Vielleicht kann meine Mutter sich aber auch nicht mehr erinnern ...


Meine Untersuchung zum Tod meines Vater und der Mitschuld meiner Mutter.


Als sie im Oktober 1959 eine Wohnung in Kühnhaide bekam, zogen wir um.

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Kühnhaide

In Kühnhaide (südlich von Zwönitz, Ortsteil) arbeitete meine Mutter als Pionierleiterin und Lehrerin.

Onkel Martin und Tante Fanni waren meine Pflegeeltern.

*

In Kühnhaide war es sehr beschaulich.

Das Haus von Onkel Martin (Thomas-Müntzer-Straße 56) lag auf einer kleinen Anhöhe neben der Dorfstraße, gegenüber eines kleinen Baches (Kühnhaider Bach), der von der Straße abbog und in Wiesen verschwand. Über dem Bach spannte sich eine kleine Brücke aus Schiefer. Links vom Bach war eine Fleischerei und eine Gastwirtschaft. Hinter Onkel Martins Haus lag eine alte Bahnstrecke ohne Gleise. An ihr spielte ich gern. Später, in Crimmitschau, verbachte ich viel Zeit, auf dem Rangierbahnhof ... vielleicht hatte mir meine Mutter erzählt, mein Vater würde bald wiederkommen?

Onkel Martins war eins der wenigen Häuser mit Steintreppe.

Auf dem Hof waren viele Hühner. Im Vorgarten viele Maulwürfe, die ich oft mit ihm jagte.

Meine Mutter erzählte, er brachte mir bei, wie man als Junge pinkelt ...

*

1964 zogen wir Mutter nach Crimmitschau.

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Crimmitschau

In Crimmitschau lebte ich von 1964 bis 69.

Wenn ich irgendwo und irgendwann eine glückliche Kindheit hatte, dann hier.

*

Ob ich wirklich so glücklich in dieser Stadt war, ist nicht so sicher ... Aber aus Crimmitschau habe ich sehr schöner Erlebnisse, die mein Leben prägten, später leider an Wirkung verloren - nun bin ich aber dabei, ihnen Einfluß zu geben ... In Berlin begann ein neues Leben, daß mich aus meinem alten herausriß und viele neue Pflichten für mich hatte ... Mein Bruder wurde geboren, und wenn er einmal sagte, er hätte zwei Väter gehabt, dann weiß ich nicht zu sagen, ob ich das als seinen Dank oder Fluch nehmen soll ...

Siehe: http://www.crimmitschau-net.de


Einige meiner Wege in Crimmitschau beschreibe ich auf der Seite: Crimmitschau.

*

1969 zogen meine Mutter und ich in die Stadt, in der ihr neuer Ehemann und mein neuer Vater wohnte: nach Berlin.

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Berlin

Als Sachse in Berlin zu leben, ist nicht toll.

Außerdem erfüllte unserer größere Familie (mein Bruder wurde 1969 geboren) meine Sehnsüchte nicht (unter anderem wünschte ich mir einen Vater, damit ich jemand auf meiner Seite hatte).

Auch das war ein Grund, warum ich gleich nach der Lehre als KFZ-Schlosser, die ich mit "bestanden" abgeschlossen hatte, zur NVA ging.

*

Ab Sommer 1969 wohnte ich in Berlin-Köpenick in der Kaulsdorferstraße 289. Zur Schule bin ich in der Borgmannstraße gegangen.

Ab September 1972 (7. Klasse) besuchte ich die Salvador-Allende-Schule im Allende-Viertel, weil wir dort eine Wohnung bekommen sollten, die wir aber nicht bekamen.

Vermutlich im Sommer 1974 zogen wir in die Rudowerstraße 94 und wohnten ab 1. September 1974 dort.
[Anmerkung am 8. September 2018: vermutlich war es schon im Sommer 1973 sein, allerdings bin ich zuerst noch von der Kaulsdorferstraße zur Schule ins Allende-Viertel gefahren. Meine Radsport begann aber noch in Kaulsdorferstraße: ich sehe mich mit dem Rennrad dort fahren.]

Meine Eltern wohnen noch immer dort.

*

[05.04.01, do, 17.36]

Die letzten Tage habe ich wieder einmal sehr viel über mein Leben nachgedacht.

Wie ich es auch betrachte, die schlimmste Zeit begann in Berlin. Viele meiner Neurosen nehmen hier ihren Anfang. Daß ich ohne Vater aufgewachsen war, scheint mich weniger gestört zu haben, als ab Berlin mit Heinz als meinem Stiefvater groß zu werden.

Die Angst einiger meiner Seelenteile vor Erfolg in einigen Gebieten nimmt in Berlin seinen Anfang.

Vor einigen Tagen, als ich mir vorstellte, ich hätte auf einem bestimmten Gebiet Erfolg (leider habe ich vergessen, welches das war), sah ich deutlich einen kleinen Jungen, der Angst hatte, mir die Hand reichte und mich bat, ihn zu beschützen.

Der Kleine in mir hat keine Angst vor meinem Stiefvater, sondern vor dem Stiefvater in mir.

Leider belastet uns der virtuelle Stiefvater in uns mehr als der körperliche. Und den kann ich nicht einfach rausschmeißen, weil er in meinem Seelengefüge seine Aufgabe hat - und sei es nur, zur Stabilität des Ganzen beizutragen.

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NVA

1978 bis 1983 war ich bei der NVA.

Im Sommer 1978 begann ich ein Studium an der Offiziershochschule "Ernst Thälmann" in Löbau, das ich im Sommer 1981 mit "gut" als Hochschulingenieur abschloß.

Als Leutnant und Stellvertreter des Kompaniechefs für technische Ausrüstung kam ich nach Stahnsdorf ins Panzerbataillon.

Am 13. August 1982, Freitag, wollte ich heiraten. Zum Glück wollte die junge Frau nicht mehr und hat es mir wohl während meiner ersten Zeit in Stahndorf mitgeteilt. Hat mich damals allerdings schwer erschüttert.

Ich erinnere, welchem Panzerfahrer ich die Verlobungsringe verkauft habe, daß ich auf der Arbeitstelle, die ich für die Frau organisiert hatte, Bescheid gesagt habe.

Im Sommer 1983 "überführte" man mich als Klassenfeind der DDR, im Dezember wurde ich wurde zum Soldaten degradiert und in Unehren entlassen.

Die Einschätzung, Kollaboration mit dem Klassenfeind betrieben zu haben, verfolgte mich die restliche DDR-Zeit.

In Potsdam versuchte ich einen Neuanfang, aber erst zehn Jahre später sollte er gelingen.

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Potsdam

Kurz vor meiner Entlassung aus der NVA zog ich nach Potsdam in die Jägerstraße 2, gegenüber dem Potsdamer Hauptquartier der Stasi. Vom Fenster aus konnte ich die Stasi-Leute zur Arbeit und nach Hause gehen sehen.

Irgendwie hab ich in der Jägerstraße am liebsten von allen bisherigen Potsdamer Wohnungen gelebt, obwohl sie nicht wirklich meine war und in einem schlechten Zustand. Es war wie auf Spitzwegs Bild "Der arme Poet". Einfach toll. Meine erste eigene Wohnung mit 24 und frei, einen Neuanfang zu wagen.

Die erste Zeit stand vor meinem Haus noch mein blauer Wolga M24, dieses große russische Auto (2,5 Hubraum, 100 PS), das im Osten als Taxi fuhr. Kein Feldlager mehr, pünktlich Feierabend, eigene Wohnung.

Aber ich durfe nicht in meinem Beruf entsprechend meiner Qualifikation arbeiten, wurde zweimal zum Reservistendienst gezogen (Eggesin und Stahnsdorf). Zum Studium durfte ich erst nach dem Fall der Mauer.

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Studium

Auf meiner Stasi-Karteikarten, die im Frühjahr 1998 in Berlin-Köpenick entdeckt wurde, hatte man im Sommer 1989 vermerkt: Gefahr zur Republikflucht.

Dabei hatte ich nie den Gedanken, die DDR zu verlassen. Vielleicht hat es mir gereicht, als ich als Sachse nach Berlin kam und spüre, was die meisten Berliner von den Sachsen halten. ;-)

Meine Stasi-Akte ist nie aufgetaucht, obwohl es eine gab, wie ich von jemand weiß, der bei der Stasi Offizier war und der vor dem Kontakt mir mir gewarnt wurden. Ein anderer, Kraftfahrer bei der Stasi, erzählte mir, wie er die Akten aktueller Fälle, die im Reißwolf in der Potsamer Stasi-Zentrale in der Hegelallee zerkleinert wurden waren, auf einem LKW mit Hänger in die Stasi-Papiermühle in der Geschwister-Scholl-Straße (Nähe Kaiserbahnhof, heute Potsdam Park Sanssousi) fuhr, wo sie zu Papierschlamm verarbeitet wurden.

Nach dem Fall der Mauer war ich fast drei Jahre arbeitslos. In dieser Zeit ordnete ich mein Leben. Unter anderem hörte ich mit dem Trinken auf und beschloß, an der Universität Potsdam Psychologie zu studieren.

Ab 1994 habe ich starke Studien-, Studium-, Uni-Hemmungen - so genau hab ich das bis heute noch nicht herausgefunden.

Ab 1995 Einzel- und Gruppen-Therapie bei zwei Psychotherapeuten. Abbruch Ende 1997. Seitdem geht es mir wieder besser, nicht zuletzt, weil ich selbst mit KopfDemokratie arbeite.

Zum Wintersemester 2001/02 habe ich mein Studium wieder aufgenommen.

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xxx

[03.09.00]

Ich weiß nicht, was noch in meinem Leben passiert.

Zur Zeit habe ich ja gar keinen Platz für eine neue Station, zuviel habe ich mit den bisherigen zu tun. Dabei wünsche ich mir oft einen radikalten Schnitt. Einfach etwas vollkommen anderes anfangen, alles andere hinter sich lassen.

Natürlich nehme ich meine Neurosen an den neuen Ort mit, aber gehe ich meinen Weg so weiter wie bisher, werde ich irgendwann als Psychotherapeut arbeiten, so richtig aber nicht auf keinen grünen Zweig kommen - die Zeiten, wo man als Psychotherapeut gutes Geld verdient, sind vorbei.

Zur Zeit kann mal froh sein, wenn man entsprechende Arbeit bekommt - wie hoch auch der Bedarf sein mag, die Kassen sparen, sparen. Und wenn man dann Arbeit hat, kann man froh sein, 3000 DM netto zu haben. Nun ja, da habe ich zeitweise schon mal mehr verdient, aber ohne diese vielen Stunden anstrengender Arbeit.

Also sollte ich mich wohl lieber für Neues bereit machen, als mich an Altes zu klammern ... ?!

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Stavanger (Norwegen)

[20. März 2016]

Am 1. Oktober 2009, Freitag, reiste ich nach Stavanger, um als Busfahrer zu arbeiten und in Norwegen zu leben. Jeden Tag, nicht nur im Urlaub.

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Utvik (Norwegen)

[14. Oktober 2019]

Am 4. Oktober 2019 bin ich von Stavanger nach Utvik umgezogen.

Utvik hat weniger Einwohner als Kühnhaide.

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