[23.05.2008, fr, 18:00]
Die Fassung des Entwurfs stammt vom April 1989.
Den Anfang hab ich stark überarbeitet, die Idee vom Ende ist fast, wie ich sie damals schrieb: Fahrt nach Wernigerode (Ende).
[Fassung vom April 1989 - Anfang]
Fahrt nach Wernigerode
Eine weiße Straßenbahn, von einem roten Band umschlungen, auf dem salutierenden Schwäne für die Weiße Flotte werben, hält vor dem Hauptbahnhof am südwestlichen Rand der alten preußischen Residenzstadt, um ihre Fahrgäste abzuwerfen wie Flugblätter, die in verschiedene Richtungen wehen.
Zu einem Betrieb, ohne den das Wohnungsbauproblem als soziales Problem nicht zu lösen hätte versucht werden können, indem man immer mehr neue Häuser baut in einer Stadt, in der die alten, schönen noch zerfallen werden, wenn die neuen bereits zerfallen sind.
Oder man weht zum Stützpunkt der Ruderer dieser Stadt, die den Ruhm des Landes in Jahren wohl als einzige noch oder in absehbarer Zeit als letzte mehren werden.
Oder man schwebt zum Gebäude eine Institution, von der man ohne Gegenleistung Sicherheit und Zufriedenheit erhält auf deutschen Reichbahnstrecken durchs halbe Reich, falls man nicht durch so manches Undurchsichtige privilegiert ist und auch im anderen Teil anderes verwöhnt wird.
Oder man flattert einfach in den Imbißstand der Mitropa und fühlt sich als Weltbürger, genießt die ostdeutsche Variation "Hamburger" und zerreißt sich das Maul beim Biß in das belegte Brötchen, dessen Jagdwurst sich vor Unbehagen krümmt, nachdem sie blau angelaufen ist.
Boris geht direkt durch die schwere Pendeltüren wie durch einen Fleischwolf in die Halle mit gekachelten Wänden, in der es Ausweise für ein kleines Stück Freiheit gibt. Nicht mehr so lange wartet man auf seinen Fahrschein, seit jungen Frauen von jungen Computern beim Suchen der Strecke und Drucken der Fahrkarten helfen, falls mehrere Schalter geöffnet sind. Immerhin hat man so meist genug Zeit sich zu fragen, ob man alles eingepackt hat und zum Verlassen des hauptstädtischen Speckgürtel ausreichend ausgerüstet ist.
Boris möchte nur für einige Tage nach Wernigerode fahren, wird niemand besuchen, muß keine Waschmittel, Bananen oder gar Ersatzteile mitbringen.
Auf dem Bahnsteig animieren große Tafeln zum Besuch des im Marmorpalais des Neuen Gartens untergebrachten Militär-Museums. Zwei junge Frauen, die vor dem auf Abfahrt wartenden Vorortzug stehen und rauchen und sich die morgendliche Kühle durch die langen Haare wehen lassen, werden sich nicht angesprochen fühlen.
Zwei Angestellte für Sicherheit und Zufriedenheit defilieren auf dem Bahnsteig, werden erdrückt von Nichtraucher-Symbolen und bitten die beiden Schönen, nicht im Zug zu rauchen, da es ein Nichtraucherzug sei.
Der Wind weht auch Boris leise und kühl durch sein schulterlanges, lockiges Haar.